Colonialwarenladen Museum Wustrow

Der Kolonialwarenladen im Museum Wustrow stammt aus Bergen an der Dumme. Die Bezeichnung „Kolonialwarenladen“ hatte sich in den ländlichen Gegenden eingebürgert, obwohl es sich dort streng genommen immer um Gemischtwarenhandlungen handelte, in denen es eben „alles“ gab. Hinrich Jürgen Schulze, der sich als Tabakfabrikant bezeichnete, baute 1842 in Bergen ein zweistöckiges Wohnhaus mit Nebengebäuden. Von seinem Sohn Johann August Schulze, geboren 1812, wissen wir, dass er in diesem Haus um 1850 einen Kolonialwarenladen gründete.

Johann August Schulze hatte zehn Kinder. Sein Sohn Albert Schulze führte das Geschäft in Bergen fort. Die Hauptblüte des Geschäftes lag vor dem Ersten Weltkrieg. Der Wohlstand wurde vornehmlich durch den Handel mit Margarine und Kaffee begründet. Daneben wurden natürlich alle Artikel im Geschäft geführt, die ein Kolonialwarenladen haben musste: Drogen, Tabakwaren, Lebensmittel aller Art, Heringe, Petroleum, Waschmittel, aber auch Eisenwaren wie Kochplatten, Herdringe, Ofenrohre, Nägel, dann Futtermittel und Düngemittel (z.B. „Thomas-Kali“), kleiner Handwerksbedarf (z.B. Steinkohleteer), Carbolineum, Werg zum Dichten, Schamottmehl, Gips. Auf den Schubfächern findet man noch heute die mit Blaustift handschriftlich aufgetragenen Warenbezeichnungen wie Kardamon, Sennesblätter, Fenchel, Schwefelblüte, Schellack, Panamaspäne, Alaun.

Treppenaufgang mit Wandmalerei Museum Wustrow

Johann August Schulze führte die Berufsbezeichnung „Kaufmann“. Außerdem war Schulze gewissermaßen Grossist, weil er große Lagerräume eingerichtet hatte, in denen er sackweise Vorräte lagerte (Salz, Zucker, Erbsen etc.) und diese als eine Art Großhändler an die Bauern verkaufte. Diese fuhren, meist sonntags nach dem Kirchgang, mit ihren Leiterwagen und Pferden in Bergen vor und kauften ein- bis zweimal im Monat groß ein. Im übrigen muss sich Johann August Schulze selbst sehr viele Kenntnisse über den Gemischtwarenhandel verschafft haben, so dass er sein Geschäft groß und erfolgreich führen konnte. Er versäumte es nicht, seinen Sohn Albert Schulze zur Ausbildung als Kaufmann nach Dresden und Lüneburg zu schicken.

Die Bergener Kaufmannsfamilie bezog direkt von der Fabrik, z.B. „Chocoladen, Cacaos, Cakes, Zuckerwaren“ von Sprengel in Hannover, Malzbonbons von der Dampfschokoladenfabrik Ferdinand Kracke in Hannover; oder sie kaufte in Großhandlungen ein, z.B. Eisen-, Kurz- und Gusswaren bei Oscar Winter, Hannover, oder direkt beim Importeur, z.B. drei Ballen Caracas-Caffee bei Krohne und Wolpers in Hannover. Alle Waren wurden per Post oder Bahn in Bergen angeliefert. Die Bahnstrecke Uelzen-Bergen-Salzwedel war 1873 gebaut worden. Vorher bestand eine Postkutschenlinie Bergen-Uelzen. Die Königlich-Hannoversche Post hatte in Bergen eine Pferdewechselstation.

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Colonialwaren der besonderen Art

Durch die Inflation nach dem Ersten Weltkrieg ging das ansehnliche Vermögen der Schulzes verloren. Der Kolonialwarenladen wurde zwar weiter geführt, aber an Dritte verpachtet. Der einzige Sohn von Albert Schulze studierte Jura, sein Enkel, der den Laden dem Museum stiftete, ebenfalls. Bis etwa 1950 wurde der kleine Laden in Bergen weitergeführt und danach geschlossen.

Der Laden wurde samt Mobiliar originalgetreu im Museum Wustrow wieder aufgebaut und mit Waren bestückt, die das Museum bei sämtlichen Ladenauflösungen im Landkreis Lüchow-Dannenberg gesammelt hatte, z. B. von dem Gemischtwarenladen und Schiffsbedarfslieferanten Dornblüth in Schnackenburg. Hanna Dornblüth, geb. Lüring, hatte ihr Elternhaus in Wustrow im heutigen Museum.