1977 bis heute: Faszination Zeitgeschichte − Wir über uns nach über 30 Jahren

Warum betreibt eine Gruppe engagierter Menschen ein Museum in einem kleinen Ort wie Wustrow? Es ist die Freude am Sammeln, Forschen, Vermitteln − insbesondere der von Museen lange sträflich vernachlässigten Alltagskultur und der Industrie- und Technikgeschichte, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte einer ländlichen Region. Diese Bereiche als Hauptbestandteil seiner Museumsarbeit anzusehen und Zeitgeschichte „von unten“ zu beleuchten, darin war und ist das Museum Wustrow ein Vorreiter. Basis für das museale Wirken war die Gründung des Museumsvereins Wustrow e.V. am 2. Februar 1977, aufbauend auf einer privaten Sammlung (Wustrow-Archiv). Der Verein ist Eigentümer des 1886 im Stil des Historismus gebauten Museumshauses und der diversen Sammlungen sowie Träger des Museums Wustrow mit allen Rechten und Pflichten.

Vorstand und Mitglieder haben in den zurückliegenden Jahren drei Hauptaufgaben bewältigt: Instandsetzung und Instandhaltung des 1981 erworbenen Gebäudes, einschließlich siebenjähriger Restaurierungsarbeiten der Wandbemalungen, Ausbau und Pflege der Sammlungen (darunter das NS-Wendland-Archiv), Förderung des Vereinslebens als Voraussetzung zur Erbringung von Eigenleistungen bei Ausstellungen, Veranstaltungen und Tagungen.

Die Wustrower Museumsleute sind glücklich, das stadtbildprägende Haus in der Langen Straße zu besitzen, mögen auch Ökonomie und Betriebskosten manches Kopfzerbrechen bereiten. Und was hat es in über 30 Jahren nicht alles gegeben! Eine Handvoll Hauptausstellungen (1. Weltkrieg, Eisenbahn, Die fünfziger Jahre, NS-Zeit, Flüchtlinge, Jugend mit Grenzen, Gorleben sammeln, Tod im Wendland, Kali und Leinen); etwa 35 kleinere und mittlere Ausstellungen, von hand- und fußbetriebenen Maschinen und Gerätschaften zu Dorfausstellungen im Umkreis, von Fotoausstellungen zu Kunstpräsentationen und des Wendlandes umfangreichste Ansichtskartenschau. Und wer ahnte vor dem Museum Wustrow, welchen Reiz Buswartehäuschen und Trafo-Türme des Landkreises Lüchow-Dannenberg beinhalten?

Sechs umfangreiche Publikationen hat das Museum herausgegeben, ein Grenzinformationsraum existierte bis zur Wende. Der Colonialwarenladen zählt zu den Top-Darstellungen dieses Genres in unserer Republik und braucht, wie es ein Besucher einmal formulierte, selbst „den internationalen Vergleich nicht zu scheuen“, ein DDR-Konsumladen mit „Waren des täglichen Bedarfs“ rundet das historische Warenangebot ab. Die Auftritte von „Jazz for Fun“, von Theaterleuten (“Hamlet” im Museumshof)

Bernd Lafrenz als Hamlet

oder das “Literarische Menu” von Lena Thyra Meyer mögen stellvertretend stehen für Feste & Feiern im Museum. Der Verein ist Mitglied des Heimatkundlichen Arbeitskreises Lüchow-Dannenberg und des Museumsverbandes Niedersachsen-Bremen sowie Gründungsmitglied des Museumsverbundes Lüchow-Dannenberg.

Ein großer Teil der Arbeiten geschieht ehrenamtlich, hinzu kommt das freiwillige Mitwirken interessierter Nichtmitglieder. Getreu der Devise, dass ernstgenommene Hobbys die Arbeiten sind, die man bezahlt nicht tun würde. Für Ausstellungs- und Forschungsprojekte wurden dem Museumsverein dankenswerterweise bis auf den heutigen Tag Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen durch das Arbeitsamt bewilligt, auch das Sozialamt gab (einst) personelle Unterstützung. Kein anderes Museum hat in den beiden letzten Jahrzehnten so vielen Menschen Arbeit, Lohn und Brot gegeben, wie der Wustrower Trägerverein. Dass dieses überhaupt möglich ist, verdanken die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen u.a. der Tatsache, dass ein weibliches Vorstandsmitglied vor Jahr und Tag einen Solidaritätsfonds ins Leben rief, dessen Unterstützer dazu beitragen, all die Kosten abzudecken, die projektbewilligende Institutionen nicht übernehmen. Längst sind die Zeiten vorbei, wo Lohnkosten übernommen wurden und von Projekten, bei denen auch Teile der Heizungskosten übernommen werden − davon können die Wustrower Museumsleute nur träumen.

"Hamlet" im Innenhof des Museums 2009

Indes: Vielfältig ist der Museumsverein Wustrow in all den Jahren unterstützt worden, durch den Bund, das Land Niedersachsen, die Bezirksregierung, den Landkreis, die Stadt Wustrow, die Sparkasse, durch diverse Stiftungen, Spender und Mitglieder. Vom ersten Tag des Vereinslebens an wurde für jede Mark, die der Verein erhielt, eine Mark als Eigenleistung oder Eigenarbeit draufgelegt. Auch für die Euro-Zeit gilt diese Maxime.

Die Bäume des Museums Wustrow wachsen nicht in den Himmel. Es gibt Defizite („Mangel und Mängel“), es gibt Spannungsfelder. Das Gesamtmenschenwerk „Museum“ wird immer wieder neu überdacht: Vereinsstruktur, Verantwortungsbereiche, Tätigkeitsfelder. Harscher weht der gesellschaftliche und betriebswirtschaftliche Wind die Museen an. Es gilt, ein neues Kostenbewusstsein zu entwickeln, innere und äußere Ansprüche an das Museum zu überdenken, ständig die Qualität der Arbeit zu verbessern und, last but not least, eine wohltuende Atmosphäre für Besucher, Museumsleute, Mitmacher und Dritt-Unterstützende zu gewährleisten. Diese Sisyphus-Arbeit anzupacken, ist, wie Reparaturen an einem fahrenden Auto vorzunehmen. Vielleicht tut ein „sabbatical year“ gut, was der Verein 2010 mit nur kleinen Ein-Raum-Ausstellungen einlegt. Neue Projekt sind geplant: “Wandel der Geschäftswelt einer Kleinstadt 1900 bis heute” und “Verfolgung und Wiedergutmachung im Regierungsbezirk Lüneburg”. Da sei dem Museumshimmel Dank, dass der Museumsverbund Lüchow-Dannenberg die hiesigen 12 Museen unter (s)einem Dach vereint und Hilfe durch Gemeinschaft erwächst. So, dass der „lange Atem des Museumsvereins“ nicht schwächer werde und die Schaffenskraft nicht erlahmen möge.