„… es war das Normalste von der Welt.“

Jugend im Nationalsozialismus im Kreis (Lüchow-)Dannenberg

Die Ausstellung (1996 – 1998) thematisierte jugendliche Lebenswelten in der Zeit des Nationalsozialismus. Die biographische Seite der Geschichte: die Erfahrungen von Jugendlichen, ihre Erinnerungen, Wünsche, Wertvorstellungen und Erlebtes, wurde verbunden mit den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen im NS-Staat.

Mit dem nationalsozialistischen Jugendmythos wurde die nachwachsende Generation angesprochen. Für die Landjugend, besonders die weibliche Jugend, gab es vor 1933 wenig Angebote durch die Jugendbünde, so konnte die Attraktivität von Jungmädel, Jungvolk, Hitlerjugend und Bund Deutscher Mädel voll wirken. Die HJ als Organisation setzte sich allerdings im Kreis Dannenberg erst 1933/34 durch. Die „Führer“ der Jugendlichen stammten aus dem konservativen, nationalistischen, militaristischen und völkischen Lager (Kyffhäuser, Stahlhelm, Tannenbergbund, Volksbund für das Deutschtum im Ausland VDA, Landjugend). Neue „Führer“ wuchsen aus der Lehrerschaft. Die Teilnahme an Fahrten und Lagern beeindruckte viele Jugendliche nachhaltig.

Der nationalsozialistischen Jugend wurde manches abverlangt: Unterordnung, zu frühe Verantwortung und persönlicher Einsatz auf unterschiedlichen Feldern. Aber ihr wurde – berechnend – auch etwas geboten, das sie freudig aufnahm und bis heute gerne mit Begriffen wie „Gemeinschaft“, „Bewährung“, „Freiheit“ erinnert.

Einen einseitigen Blick auf die Jugend damals versuchte die Ausstellung zu vermeiden: es gab freiwillige und begeisterte, folgsame und fanatische Jugendliche, solche, die ihr Leben unberührt von den Zeitläufen genossen, solche, die sich besonders nach Kriegsbeginn und vermehrtem Einsatz für die „Volksgemeinschaft“ und Kriegswirtschaft, entzogen.

Die Ausstellung zeigte aber auch an Beispielen aus dem Landkreis die Gruppe der ausgegrenzten Jugendlichen und Kinder, die unter dem System litten, verfolgt und ermordet wurden.

Die Forschungsarbeit im Museum Wustrow hat gezeigt, dass die NS-Zeit für diese Region nur mit Schwierigkeiten darstellbar ist, schon gar nicht komplett: Viele Unterlagen sind verschwunden, in den Archiven liegen nur Bruchstücke von Akten oder lose Blätter. Informationen von Zeitzeugen waren nur schwer ausführlich zu erhalten, immer wieder wurden verwischende Floskeln benutzt, Erinnerungen erzählt, dann aber zurückgenommen oder die Weiterverwendung verboten, Fotos gezeigt, aber nicht freigegeben. Die Fundorte der Objekte sind verschwiegener als bei anderen Sammlungen: auf dem Flohmarkt unter dem Tisch, bei Spezial-Sammlern, auf dem Müll… Dorferinnerungen wurden als Gerüchte weitererzählt. Auf der anderen Seite haben wir ausdrücklich Dank zu sagen denjenigen, die uns zu langen Gesprächen zur Verfügung standen.

Die Ausstellung setzte sieben inhaltliche Schwerpunkte:

* Fragen und Antworten/Spuren: Gegenwartsbezug,

* Rituale wie Aufmärsche, Fahnenumzüge und Feiern,

* Einsätze des jugendlichen Arbeitskräftepotentials,

* Rückblick der Zeitzeugen und gebliebene ideologische Wirkungen,

* Ausgrenzung von jugendlichen Nicht-Angepassten, Behinderten, Zwangsarbeitern, Juden,

* Erziehung zu rassistischen Ansichten und Blut- und Boden-Einstellungen in der „Landschule“.

Der Titel der Ausstellung „…ES WAR DAS NORMALSTE VON DER WELT“ gibt die Abwehrhaltung der Zeitzeugen wieder, sich mit ihrer Jugendzeit auseinanderzusetzen und/oder sich von der nachfolgenden Generation Fragen stellen zu lassen nach der Bewertung ihrer Jugenderlebnisse. Diese Zeitzeugengeneration hat dem Nationalsozialismus nicht zur Macht verholfen. Aber klar sein muss, dass ihre Jugendzeit durch die faschistische Erziehung geprägt wurde! Der Titel ist provokativ: Er wurde durch die Ausstellung widerlegt, sie stellte die Frage nach den Normen, nach Ethik und Moral menschlichen Handelns.

Kernfrage der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und dessen Weiterwirken in die Gegenwart ist der Umgang des Menschen mit dem Menschen. Unter dieser Zielsetzung wurden Schüler an der Erarbeitung der Ausstellung beteiligt, haben diese Fragen an Zeitzeugen und archivalische Funde gestellt, aber auch ihre eigenen Wertvorstellungen und ihr Lebenskonzept miteinander diskutiert. Die Zusammenarbeit von Schulklassen und Museum im Rahmen der im pädagogischen Raum entwickelten Konzepte zur Öffnung von Schule hat sich bewährt. Klassen aus der Orientierungsstufe, dem Sekundarbereich I und II sowie aus der Sonderschule haben sich beteiligt.

Konzept und Erarbeitung der Ausstellung:

Barbara Affeldt, Dietrich Banse, Ernst Block, Claus Bolbrinker, Dagmar Brodmann, Wendla Boettcher-Streim, Hannelore Engeln, Martina Ehlert, Claus Füllberg-Stolberg, Michaela Gareis, Marianne Gerke, Anja Grau, Babs Haebler, Hans Hentschel, Heide Kowalzik, Rolf Meyer, Elke Meyer-Hoos, Renate Meyer-Wandtke, Günter Reusch, Michaela Vogt;

Grundkonzeption der Ausstellung: ikon, Büro für Kultur und Geschichte, Martina Jung und Martina Scheitenberger, Hannover;

Plakat: Andreas Ossig, artshop, Hildesheim.

Der Museumsverein Wustrow dankt den Zeitzeugen und Gebern von Fotos, Objekten und Unterlagen zur Ausstellung; den Schulklassen und ihren Lehrern und Lehrerinnen; den Archiven; sowie den Institutionen, die die Ausstellung finanziell förderten:

Land Niedersachsen, Niedersächsische Sparkassenstiftung, Niedersächsische Lottostiftung, Stiftung Niedersachsen, Arbeitsamt Lüchow/Uelzen, Landkreis Lüchow-Dannenberg, Stadt Wustrow.