Kali und Leinen – Industrialisierungsansätze im Raum Wustrow 1874 – 1928

November 2005, ISBN: 3-935971-20-6, 17,90 Euro

Inhalt:

Die von U. Brohm und E. Meyer-Hoos herausgegebene Publikation widmet sich einem bis dato nur wenig bekannten Kapitel niedersächsischer Industriegeschichte: der Kali- und Leinenindustrie.

Vorstellung des Buches durch Elke Meyer-Hoos

Die fünf Beiträge des Bandes beschäftigen sich nicht nur mit der Geschichte der beiden Industriezweige und den Folgen für den Standort Wustrow. Ebenso werden die Industrieansiedlungen nach 1933 in dem bis heute strukturschwachen Gebiet des Landkreises Lüchow-Dannenberg und die industrielle Entwicklung im benachbarten Kreis Salzwedel, zu dem es zahlreiche Verbindungen gab, geschildert. Das Buch bietet eine Fülle von neuen Einblicken in die jüngere Sozial- und Wirtschaftsgeschichte des Hannoverschen Wendlandes und ermöglicht darüber hinaus als Fallbeispiel einer Industrialisierung auf dem flachen Land den Vergleich zu anderen Regionen Niedersachsens.

Zu dem Band hat Prof. Dr. Karl H. Schneider, Hannover, eine Rezension geschrieben:

“Eine Kleinstadt im Hannoverschen Wendland als Industriestandort – für manchen eine eher unwahrscheinliche Vorstellung,“ mit diesen Worten beginnt das Vorwort des vorzustellenden Bandes. In der Tat, eine eher unwahrscheinliche Vorstellung, wenn man sich sowohl an einem älteren Begriff von Industrialisierung als auch von ländlichem Raum orientiert. Doch die neuere Forschung hat längst heraus gearbeitet, dass die einfachen Bilder von Dorf oder Industrialisierung nicht zutreffen. Der ländliche Raum konnte seit der frühen Neuzeit schon Standort gewerblicher Produktion sein und später von industriellen Aktivitäten. Was aber auch die regionale Industrialisierungsforschung heraus gearbeitet hat, ist die Tatsache, dass Industrialisierung immer ein riskantes Spiel war. Unser Blick auf die über Jahrzehnte erfolgreichen Industriereviere, unser Bedauern über deren dann doch irgendwann eintretenden Zusammenbruch, hat verdrängt, dass Industrialisierung eben nicht nur den Erfolg, sondern auch den Misserfolg mit sich bringen konnte. Hierfür bietet sich das gewählte Beispiel in besonderer Weise an. In fünf Beiträgen wird das Thema bearbeitet:

Elke Meyer-Hoos beginnt mit einem Beitrag über „Milieubildungsprozesse in einer Kleinstadt – Die Entwicklung der Kleinstadt Wustrow im Hannoverschen Wendland unter dem Einfluss der Industrialisierung 1870-1930“. Dabei geht sie davon aus, dass die führenden Eliten in ihrer konservativen Positionierung sich zwischen Kaiserreich und Weimarer Republik nicht entscheidend verändert haben. Der zweite Zugang zum Thema erfolgt über das Wechselspiel von Zentrum und Peripherie: Wustrow einerseits als zentraler Ort, andererseits im Zentrum einer peripheren Region. Es ist also ein Thema der Ambivalenz, das sich hier andeutet und eigentlich den gesamten Band durchzieht, des Einerseits und des Andererseits. Das „Einerseits“: Wustrow erlebt einen ökonomischen und sozialen Strukturwandel durch Industrieansiedlungen seit den Gründerjahren des Kaiserreichs. Erst ist es die Mechanische Weberei der Familie Wentz, die ab 1874 expandiert und immerhin bis zu 100 Arbeiter beschäftigt, dann sind es die Kaliwerke, die Möglichkeiten und Probleme zugleich in den Ort brachten. Aber da ist auch immer das „Andererseits“: dazu gehört die viel zu späte Anbindung der Stadt an das Eisenbahnnetz, so bleiben alle Entwicklungen bescheiden. Die Einwohnerzahlen der Stadt steigen zwischen 1871 und 1930 an, aber in einem eher bescheidenen Umfang von 745 auf 1218 Einwohner, noch 1905 waren es erst 871. Erst der Kalibergbau brachte eine erkennbare Zunahme der Einwohnerschaft. Damit kamen Arbeiter und sie veränderten das politische und soziale Milieu des Ortes nachhaltig. Zwar blieben die alten konservativen Eliten, aber ihnen stand eine immer besser organisierte und – aus damaliger Sicht – radikalisierte Arbeiterschaft gegenüber.

Das zeigte sich besonders nach der Revolution. Nun waren auch die politischen Voraussetzungen für eine aktivere Beteiligung der arbeitenden Bevölkerung gegeben. Die Wahlbeteiligung stieg an und zugleich dominierten nun die Arbeiterparteien. 1919, bei der Wahl zur Nationalversammlung, war es zunächst noch die SPD, die 48 % der Stimmen erhielt (S. 71), bei den Landtagswahlen von 1921 lag dann die KPD mit 34 % vorn, dazu kamen noch 15 % der MSPD und 12 % der USPD. Das bürgerliche Milieu war in der Minderheit, wobei bemerkenswert der Einbruch der Welfen (DHP) war, die zwischen 1919 und 1921 von 36 % auf 20 % Stimmenanteil zurück gefallen waren. Doch diese Mehrheiten waren nicht stabil, Ende der 20er Jahre war die KPD bedeutungslos geworden und die NSDAP, die 1929 nur 3 Stimmen bei den Provinziallandtagswahlen erhalten hatte, erreichte bei der Reichstagswahl vom 6.11.1932 361 Stimmen oder 56 %!

Im zweiten Teil bearbeitet Ulrich Bohm die Geschichte der mechanischen Weberei Friedr. & E. Wentz, die 1873 gegründet wurde, bis 1964 Bestand hatte und vor 1905 keinen wirklichen Konkurrenten auf dem Arbeitsmarkt hatte. Ulrich Reiff behandelt die „Kali- und Steinsalzindustrie im Wendland“, die ab 1905 die Region um Wustrow für fast genau 20 Jahre prägte. Auf den drei Schächten dieser Region arbeiteten 1905 131 Arbeiter, 1914 261, 1920 562, wobei dazwischen immer wieder Phasen mit einem starken Abbau der Belegschaft lagen. 1926 waren noch 102 Arbeiter beschäftigt, dann endete der Bergbau. Er änderte für zwei Jahrzehnte grundlegend die ökonomischen Grundlagen der Region, er prägt bis heute die Bauten und die Landschaft, auch wenn die Überreste teilweise nur noch schwer zu finden und zu deuten sind.

Die Geschichte Wustrows und seines Umlandes in dem Untersuchungszeitraum ist die Geschichte schnellen Erfolgs und krassen Misserfolgs. Er hat die Selbstwahrnehmung dieser Region bis heute geprägt. Warum auf den industriellen Ansätzen des Kaiserreichs nicht ein längerfristiger und stabilerer Aufschwung aufbaute, hatte auch mit den industriellen Strukturen zu tun: sie blieben inselhaft. Ernst Block kann am Beispiel in der nordwestlichen Altmark (S. 261-287) zeigen, dass erst eine breitere, in diesem Fall eng mit der Landwirtschaft verbundenen industrielle Basis stabiler war – aber auch nicht vor gesamtgesellschaftlichen Brüchen wie der Weltwirtschaftskrise ab 1929 schützte.

Regionale Industrialisierung ist schwer zu steuern, sie ist von Zufällen abhängig, aber auch von strukturellen Voraussetzungen, die sich nur selten beeinflussen lassen. Daran kann auch eine mit erheblichen Mitteln arbeitende Regionalplanung wenig ausrichten, wie am letzten Beitrag von Karl-Friedrich Kassel („Von der Zonenrandförderung zur Regionalentwicklung – an Modellen für die Zukunft Lüchow-Dannenberg fehlte es nicht“) zeigt. Alles in allem handelt es sich bei diesem Band um eine differenzierte, anregende Auseinandersetzung mit deutscher Regionalgeschichte in Kaiserreich und Weimarer Republik. Sie ist nicht nur für das Wendland von Interesse, sondern eine Fallstudie, die auch darüber hinaus beachtet werden sollte.